KAPITEL 8
Boulevard der Dämmerung- oder: Der letzte Versuch
Ab 1994 ging die Band in neuer Besetzung im In - und Ausland wieder auf Tour. Allein oder des Öfteren auch mit anderen Gruppen. Zum aktuellen Line-up gehörten nun, neben Frontmann Nigel Degray, York Gröning (Gitarre), Christian Fiedler (Gitarre), Jörg Künicke (Bass) und Matthias Hackbeil (Schlagzeug). Allerdings war auch diese Besetzung nicht stabil. So waren zum Beispiel neben Nigel Degray bei der Europa-Tournee 1995 nur Matthias, Reiner und York mit an Bord. In einer Band zu spielen ist eben nicht nur eine Frage der stimmigen „Chemie“ sondern auch der Verlässlichkeit. Degray äußerte sich einmal Jahre später in einen Interview darüber folgendermaßen: „Wenn man eine Woche vor Tourneebeginn durch mehrere Länder von einem Bandmitglied erfährt, daß es nicht sicher sei, ob er mitkommen könne und man weiß, daß sich in so kurzer Zeit kein Ersatz finden läßt, dann wird man schon sehr nachdenklich, was die weitere Zukunft betrifft.“ (80)
Für den Bandleader Degray stellte sich solches Verhalten als durchaus problematisch dar, denn die Band war im Laufe der 80er Jahre nicht nur zu einem Aushängeschild der deutschen Untergrundbewegung, sondern spätestens in den 90er Jahren zu bedeutenden Vertretern des Gothic-Rock geworden. Sie waren inzwischen Meilensteine des deutschen Gothic und hatten zahlreiche Auftrittsverpflichtungen zu erfüllen. (81) Vielen ihrer Anhänger galten sie als musikalische Helden und diese treuen Fans wollte Degray auf keinen Fall enttäuschen.(82) (83)
Desert House- oder: Versuch eines Ausbruchs
Nachdem die Band längere Zeit „On the road“ war, gab es 1995 ein neues musikalisches Lebens-zeichen in Form der Mini-CD Desert House. Neben dem Titelsong enthielt sie zwei weitere neue Stücke Kiss Of Death und The Spell, sowie als Live-Version die Titel Angst + War und So Near, So Far von der vorherigen CD. Entry das Magazin für Dark Music, Kultur und Avantgarde schrieb dazu: „Die Musik erinnert an die letzte Veröffentlichung „Angst + War" und spiegelt die recht eigene Auffassung der Band von Gothic wieder. Die Stücke sind zwar atmosphärisch, aber auch recht hart und treibend, was der Veröffentlichung jedoch keinen Abbruch tut. Im Gegenteil. Kein Wunder bei den vielen einschläfernden Gothic-Produktionen, die es sonst gibt.“ (84)
Das Musikmagazin Sonic Seducer formulierte es so: „Sie frönen mit klirrenden Gitarrenwellen, die wie ein traumatischer Nebel auf den Hörer niedergehen, auf den Spuren von The Cure und Killing Joke, die diese schon vor mehr als zehn Jahren verlassen haben. Aber Marquee Moon können auch anders, so gibt es neben dem 8-minütigen psychedelischen Kiss Of Death mit The Spell auch punkige Klänge zu hören.“(85)
Desert House wurde von vielen Beobachtern als Versuch gesehen, trotz allem noch einmal aus dem Gruftie-Image auszubrechen.(86) Beim Hören der CD schien sich dies zu bestätigen. Der Titelsong Desert House klingt, als stammte er aus der Beyond The Pale oder Strangers In The Monkey Biz - Session, wäre damals aber nicht zum Zuge gekommen. Kiss Of Death (geschrieben von Hanzy Nischwitz) klingt wie eine Mischung aus Searching und Soul of Secrets und der dritte Titel The Spell hätte sich auch gut auf Future Patrol gemacht.
So gesehen schienen Marquee Moon tatsächlich an frühere Zeiten anknüpfen zu wollen. Und das Ergebnis war vielversprechend. Vergleicht man indessen diese Songs mit Aufnahmen der ersten zwei LP’s, hatte Degray auch mit dieser Veröffentlichung sein früheres Songschreiberniveau noch nicht wieder erreicht.
Deshalb waren die treuen Fans und die Presse gleichermaßen gespannt auf die für das Frühjahr 1996 angekündigte neue CD No More Intelligence? Viele hofften, Desert House wäre der langerwartete, vielver- sprechende Vorgeschmack auf eine erregende, spannende, an alte Erfolge anknüpfende, neue Veröffentlichung. Auf der Seite von Guts Of Darkness kam man zu folgender Beurteilung: „Desert House“ wird uns nur in Form einer EP angeboten, auch wenn zusätzlich zu den 3 offiziellen Titeln 2 Live-Versionen mitgeliefert werden. Es gibt eine neue Änderung in der Zusammenstellung der Band, Nigel Degray gibt den Bass ab an Jörg Künicke um sich ganz auf das Mikro und die Gitarre zu konzentrieren. Ist es wirklich nur das? Um die Wahrheit zu sagen, unsere Skepsis ist sehr schnell verflogen, denn die 3 veröffentlichten Titel sind wirklich stark.
Wir haben da „The Spell“, ein Beispiel für die sehr aggressive Seite der Gruppe mit seinen kraftvollen Riffs, was durchaus an die Phase von „Future Patrol“ erinnert, während „Kiss Of Death“ etwas von „Nightshift“ der Siouxie and the Banshees rüberbringt, deren reißende, kriechende und schonungslose Aufeinanderfolge der Gitarren imitiert wird. Und „Desert House“ ? Durchaus korrekt, ohne genial zu sein, aber angenehm anzuhören.“ (87)
************************************************************
Ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte:
Zu diesem einmaligen Angebot erschien folgende Pressemeldung:
Mit Marquee Moon im Bus
Auf der Bühne werden sie gelegentlich wild, im Tourbus bleiben sie brav:
Wer gemeinsam mit der Berliner Kultband Marquee Moon in den Konzerturlaub verschwinden will, sollte sich vom 10.-12.3. frei nehmen. Für drei Tage und zwei Nächte können sich Musikinteressierte bei Konzerten in Wien und Bratislava den harten Sound der Rockband um die Ohren dröhnen lassen und echten Einblick in den Touralltag bekommen. Also, wer sich von der Reiseidee mitreißen läßt, kann das für 199 Mark über Indie Tours festmachen.
************************************************************
Nigel D. und der letzte Kreuzzug
Zwar sprach Degray in diversen Interviews wie zum Beispiel im Musikmagazin Zillo bereits vom Erscheinen dieser neuen CD, aber aufgrund bandinterner Verstimmungen und Schwierigkeiten mit dem zu geringen Budget für die Produktion und dem unzureichenden Marketing erschien sie nie. (88) Der Titeltrack, der ursprünglich in zwei unter- schiedlichen Versionen aufgenommen wurde, ist lediglich als Liveaufnahme auf einem Video erhalten. Anstelle der ange- kündigten CD No More Intelligence? kam es stattdessen zur Veröffentlichung der Best Of Compilation 1985 – 1996. Allerdings wurde die Best Of –CD, was die Songauswahl betraf, der musikalischen Genialität der Band und ihrer musikalischen Vergangenheit in keinster Weise gerecht. Dieses Album enthält, neben einigen der großen Erfolge, mit Ghostdance und New Religion auch die letzten beiden neuen Titel, die eigentlich für die CD No More Intelligence? vorgesehen waren.
Aufnahmen aus dem Video "No More Intelligence ?"
Da bleibt noch eine Frage:
Wie hätte die CD No More Intelligence? wohl aussehen können?
Hier sind 3 Vorschläge dazu:
Leider werden wir nie erfahren, wie die CD wirklich ausgesehen hätte.
Einmal geht der Vorhang zu
Gerüchten zufolge gab es jedoch überhaupt keine fertige neue CD, beziehungsweise war das noch vorhandene Songmaterial nicht die Veröffentlichung wert. Eigenen Aussagen zufolge war Nigel Degray aber einfach müde, erschöpft und enttäuscht und hatte keine Lust mehr, unter diesen frustrierenden Umständen weiterzumachen. Deshalb trug er sich schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken, die Band aufzulösen.
Sieben Jahre später, im Frühjahr 2004 sagte er in einem Interview, dass ihm während der Tour im Frühjahr 1997 bewusst geworden war, dass er unter den damaligen Bedingungen, wie zum Beispiel einem zu geringen Etat für Tourneen und Plattenproduktionen, oder einem völlig unzureichenden Marketing, nicht mehr weitermachen konnte und wollte. (89)
Was nun jedoch genau die Veröffentlichung von No More Intelligence? verhindert hat, fehlendes oder ungenügendes Songmaterial, Erschöpfung oder Antriebslosigkeit, Querelen innerhalb der Band, der Ausstieg von Torben Stupp und Dirk Weinert, überdies der nicht vorhandene Ersatz für die beiden Musiker oder aber vielleicht Unstimmigkeiten mit der Plattenfirma… wird wohl letztendlich im Dunkel der Vergangenheit bleiben.
Obwohl die Band 1997 noch eine Europatournee sowie einige weitere Konzerte und Auftritte erfolgreich absolviert, sehen selbst wohlmeinende Kenner deutlich, dass die Luft vollständig raus und die Band am Ende ist. Ein bereits vorgesehener Auftritt beim Roskilde Musikfestival wird auch nicht mehr realisiert. (90)
Im August des Jahres 1997, nach ihrem Auftritt beim Bizarre Festival in Köln, löst Nigel Degray die Gruppe endgültig auf. Damit verabschiedet sich eine Ikone des Gothic Rock für immer aus der Musikwelt. Der Mythos aber lebt weiter.
ENDE
Quellennachweise:
1 Christian Graf: Rocklexikon Deutschland, Seite 231, 2002, ISBN 3-89602-273-3
2 Berliner Morgenpost, Berliner Tageszeitung, 16.10.86
3 Go For Gold, Hamburger Musikmagazin, Nr.6 1986, Seite 21
4 Tip, Berliner Stadtmagazin, September 1985
5 Zitty, Berliner Stadtmagazin, Juni 1984
6 Music Scene, Seite 22, Mai 1985
7 Berliner Morgenpost, Berliner Tageszeitung, Seite 8, 12.9.1985
8 Tip, Berliner Stadtmagazin, Nr. 22, 1996
9 Münchner Stadtzeitung, Nr. 18, Seite 129, September 1985
10 Limited Edition, Berliner Musikmagazin, August 1985
11 Tip Siegerland, Stadtmagazin, September 1985
12 Bravo, Musikzeitschrift, Nr. 51, Seite 47, Dezember 1985
13 Zitty, Berliner Stadtmagazin, Nr. 21, 1986
14 Go for Gold, Hamburger Musikmagazin, Nr. 5, Seite 13, 1985
15 Musik Szene, Programmzeitschrift, 1984
16 Zitty, Berliner Stadtmagazin, Juni 1984
17 Berliner Morgenpost, Tageszeitung, Juni 1984
18 Tip, Berliner Stadtmagazin, März 1984
19 Blickpunkt, Jugend-Journal, Berlin, 1984
20 Musik Szene, Musikzeitschrift, 1984, u. Musik Szene, Musikzeitschrift, Nr. 5 Mai 1985
21 Tip, Berliner Stadtmagazin, 1984
22 Musik Szene, Musikzeitschrift, Nr. 5, Mai 1985
23 Blickpunkt, Jugend-Journal, Berlin, Nr. 338, Seiten 38 u. 39, Juni 1985
24 Wikipedia, die freie Enzyklopädie (Gothic Rock) abgerufen am 17.12.2009
25 BZ, Berliner Tageszeitung, 11.10.1985
26 Go for Gold, Hamburger Musikmagazin, Nr.6 1986
27 Zitty, Berliner Stadtmagazin, September 1985
28 Münchner Stadtzeitung, Stadtmagazin, Nr. 18, Seite 129, September 1985
29 Plärrer, Stadtmagazin für Nürnberg, Fürth und Erlangen, Nr. 11, Seite 72, Nov. 1985
30 Tip, Berliner Stadtmagazin, September 1985
31 Music Szene, Musikzeitschrift, Nr. 9, Sept. 1985
32 Szene-Hamburg, Stadtmagazin, November 1985
33 Bravo, Musikzeitschrift, Nr. 51, Seite 47, Dezember 1985
34 Tip Siegerland, Stadtmagazin, September 1985
35 Matzke u. Seeliger: Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon,
Seiten 280/281, 2002, ISBN 3-89602-277-6, und
Matzke u. Seeliger: Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon,
Erweiterte Neuauflage, 2003, Seite 364, ISBN 3-89602-522-8
36 Zitty, Berliner Stadtmagazin, Nr. 15, Juli 1986
37 Musik Szene, Musikzeitschrift, Nr. 9, September 1986
38 W. Flamm: Rock City 87/88, Handbuch der Berliner Musikszene ISBN: 3926671009
39 Dark Waves, Independent-Magazin Nr.5, August 1986
40 Tip, Berliner Stadtmagazin, Nr. 23, 1986
41 Limitid Edition, Berliner Musikmagazin, Nr. 13, 1986
42 Bravo, Musikzeitschrift, Nr. 45, 1986
43 WOM „World of Music-Journal” Nr.10, 1986
44 Berliner Morgenpost, Tageszeitung, 16.10.86
45 Zitty, Berliner Stadtmagazin, Nr. 21,1986
46 Transmission, Musikmagazin, Ausgabe 2, Frühjahr 2004
47 Tip, Berliner Stadtmagazin, Nr. 23, 1986
48 Zitty, Berliner Stadtmagazin, 24. Juni 1987
49 Mambo-Sounds & Trends, SFB-TV-Magazin, Sendung vom 19.10.1986
50 Spex, Musikzeitschrift, Nr. 9, 1986
51 Matzke u. Seeliger: Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon, Seiten 280/281,
2002, ISBN 3-89602-277-6 und
Matzke u. Seeliger: Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon,
Erweiterte Neuauflage, 2003, Seite 364, ISBN 3-89602-522-8
52 Go for Gold, Hamburger Musikmagazin, Nr. 6, 1986, Seite 21
53 Berliner Morgenpost, Tageszeitung, 17.6.1987
54 Booklet, Marquee Moon, zur Kinks-Tour, Seite 2, Dezember 1987
55 Tip, Berliner Stadtmagazin, Nr.19, 1987
56 Zitty, Berliner Stadtmagazin, Nr.19, 1987
57 Skid Byers, Interview, 7. April 2001
58 Skid Byers, Interview, 7. April 2001
59 Zitty, Berliner Stadtmagazin, Nr. 19, 23.9.87
60 Zitty, Berliner Stadtmagazin, Nr.2, Interview Nischwitz, Byers, Degray,
Seiten 44/45,1988,
61 Zitty, Berliner Stadtmagazin, Nr. 2, Interview Nischwitz, Byers, Degray
Seite 45,1988,
62 Skid Byers, Interview, 24. August 2001
63 Tip, Berliner Stadtmagazin, Nr. 22, 1996
64 Tip, Berliner Stadtmagazin, Nr. 22, Seite 246, 1989
65 Limited Edition, Berliner Musikmagazin, Nr. 23, Mai 1989
66 The Commercial Zone, Internetseite, abgerufen 23.10. 2009
67 Stormy Visions Radio, Internetseite, Gothic-Reihe, Teil 4, abgerufen Februar 2001
68 Entry, Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde, Oktober 2009
69 www.darkdimensions.de, Internetseite, abgerufen 16.10.2011
70 www.musik.org/gothic-musik, Internetseite, abgerufen am 21.12.2011
71 www.darkdimensions.de, Internetseite, abgerufen am 16.10.2011
72 LabelLos.de, die Band- und Konzertdatenbank, Internetseite, abgerufen am 14.11.2009
73 Tip, Berliner Stadtmagazin, Nr. 22, Seite 179, 1996, Interview mit Nigel Degray
74 Elf 99, Jugendmagazin, Fernseh-Portrait über Nigel Degray, 1993,
in:www.youtube.com
75 Elf 99, Jugendmagazin, Portrait über Nigel Degray, 1993,
in: www.veengle.com/s/Elf 99
76 Tip, Berliner Stadtmagazin, Nr. 22, Seite 179, 1996
77 Skid Byers, Interview, 8. Juli 2000
78 Tip, Berliner Stadtmagazin, Nr. 5, Seite 201,1993
79 Guts Of Darkness, Le webzine des musiques, Internetseite,Januar 2011
80 Transmission,Musikmagazin, Interview Nigel Degray, , Ausgabe 2, Seite 18, 2004
81 Wikipedia, Gothic Rock, Internetseite, abgerufen am 9.5.2011
82 www.darkdimensions.de, Internetseite, abgerufen am 16.10.2011
83 www.schwarzesberlin.de, Internetseite, abgerufen am 24.09.2005
84 Entry, Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde, Oktober 2009
85 Sonic Seducer, Musikmagazin, 1995
86 Arena Wien, Programmankündigung, März 1995
87 Guts Of Darkness, Le webzine des musiques, Internetseite, abgerufen Januar 2011
88 Zillo, Ausgabe 11, Dezember 1996
89 Transmission, Musikmagazin, Seite 18, Frühjahr 2004
90 Transmission, Musikmagazin, Seite 19, Frühjahr 2004
___________________________________________________________________________
Diese Website enthält u.a. Fotos folgender Fotografen:
Heide Woicke, Rainer Glatzer, Hans H. Wehr, Bodo Herchet, Dorit Freudenreich, Lutz Herchet, Marion Schult, Doris Uldrian, Skid Byers, Klaus Dieter Weber, Peter Richter, Simone Radtke, Anita Bugge, Kühling, Miri Assmann.
__________________________________________________________________________
Unser besonderer Dank geht an die Fotografin Simone Radtke (Pauli) für die Anfertigung und Zurverfügungstellung des Homepage-Fotos.
Copyright © 2012 info@marqueemoon-online.de